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Der 'WoZ'-Bericht: Früchte des Zorns
Von Kaspar Surber
Daniele Jenni ist ein vergnügter Mann. So zückte er einmal, auf nächtlicher Fahrt im Schnellzug nach einer Diskussionsveranstaltung zum Wegweisungsartikel in Chur, zwei Flaschen Bier aus seiner schwarzen Advokatenmappe. Und sagte: «Gewisse Sachen muss man skandalisieren. Nur so kann man sie stoppen.» Seit Jenni das Rayonverbot in Bern skandalisiert hat, harzt dessen Einführung beziehungsweise Umsetzung in der übrigen Schweiz.
Und jetzt soll Jenni schuld sein an den Ausschreitungen in Bern vom vergangenen Samstag. Bloss, weil er ein Fest gegen Rassismus auf dem Münsterplatz mitorganisiert hat, das von 5000 Leuten besucht wurde. Die Grüne Freie Liste (GFL), örtlicher Ableger der Modefarbe grünliberal, forderte, Jenni soll aus der Grünen Partei ausgeschlossen werden.
Statt auf die Grünliberalen hört man für einmal besser auf den Walliser Radikalliberalen: Pascal Couchepins Vergleich, die SVP-Strategie «Blocher oder der Untergang» erinnere ihn an jene des «Duce» in den dreissiger Jahren, diente ihm nicht zur eigenen Profilierung. Couchepin scheint es ernst zu sein. Am Abend der Berner Krawalle sagte er am Westschweizer Fernsehen: Er hätte im Bundesrat die SVP-Vertreter gefragt, ob es sich lohne, mit dem Festumzug das Risiko von Ausschreitungen einzugehen.
Eine weitere gute Stimme in diesen verwirrlichen Tagen: die ausländische Presse. Nach dem «Independent», den Roger Köppel in seinem Tagebuch noch als serbelndes linksliberales Blatt bezeichnen konnte, haben mittlerweile auch BBC und «New York Times» über die Schweiz berichtet. Die italienische, die spanische Presse. Und die «Süddeutsche Zeitung».
Die Distanz schärft den Blick. In einem Kommentar zum Samstag schreibt die «Süddeutsche»: «Der materielle Schaden war am Ende nicht sehr hoch, und glücklicherweise wurde niemand verletzt. Aber die Ausschreitungen zeugen von einer politischen Verwerfung, die in der Schweiz unentdeckt war.» Die «Radaubrüder» für die Krawalle verantwortlich zu machen, so heisst es im Kommentar weiter, sei ein einfacher Weg. Die Gründe würden tiefer liegen. «Mit einem Satz: Die Furcht ist gross, dass die Globalisierung, von der die Schweiz bislang nur profitiert hat, dem Land seine Identität rauben könnte.»
Geschickt spiele die SVP mit diesen Ängsten, wobei sie sich mit Fahnen und Kuhglocken super-schweizerisch gebe. Mit einem nach oben offenen Budget präsentiere sich die Partei landesweit wie ein Markenartikel. «Die Linke und die anderen Parteien verharren in der Schockstarre, sie reagieren einfach nur hilflos bis beleidigt auf Blocher. Der Berner Gewaltausbruch war nun ein Signal dafür, dass die Ratlosigkeit schnell in eine unkontrollierte Auseinandersetzung ausschlagen kann.»
Noch eine gute Stimme in diesen verwirrlichen Tagen: Abonnieren Sie die WOZ! Unterwegs nach Bern dachten wir: Wir werden schreiben, was ist. Wir waren im Tränengas, als die Polizei die Blockade noch vor jeglicher Sachbeschädigung räumte. Und zur Guerillataktik, die mittlerweile sogar der Dienst für Analyse und Präventation (DAP) vorhergesagt haben will: Es gab keinen Plan, den Bundesplatz zu stürmen.
Wir standen neben Blocher, als dieser in die Parolen der Rechtsextremen einstimmte. Draussen vor der Stadt hatte sich keine demokratische Partei zum Umzug versammelt, sondern eine rechtspopulistische Bewegung. Vom Milliardär über den unzufriedenen Mittelstand bis zu den Neonazis, verbunden durch Fremdenfeindlichkeit.
Unten im Sandkasten spielen und winken die Kinder. Sie wissen genau: Schuld ist, wer angefangen hat.



